Meine Treue muss nicht deine Treue sein!

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Wusstest du, dass es bei der Treue nicht nur um sexuelle Exklusivität geht? Der Begriff Treue hat wesentlich mehr zu bieten. Man ist nicht nur anderen Menschen gegenüber treu, sondern vor allem sich selbst gegenüber. Nachdem sich kaum jemand ausschließlich in einem einzigen Treueverhältnis befindet (z.B. gegenüber dem Partner), kann es auch zu Konflikten innerhalb der jeweiligen Treuehierarchie kommen.

Potenzielle Treuekonflikte

Das kann zum Beispiel der klassische Fall sein, dass ein Paar Weihnachten gemeinsam feiern will, aber zugleich auch mit nahen Verwandten wie Eltern oder Geschwistern. Also stellt sich die Frage: zu den Eltern oder zu den Schwiegereltern? Hier gilt es, innerhalb der jeweiligen Treuehierarchie eine Lösung zu finden. Auch zwischen Beruf und Familie kann es zu einem Treuekonflikt kommen: Ein Arzt, der auf der einen Seite mit Leib und Seele seinen Beruf ausübt, hat auf der anderen Seite vielleicht eine Ehefrau, die sich vernachlässigt fühlt, weil sie in der Treuehierarchie erst an zweiter Stelle steht.

Doch kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von Treuehierarchie sprechen? Ist die Treue zu einem Menschen automatisch höherwertiger als die Treue einer Sache oder Tätigkeit gegenüber? Dies muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Die Wertigkeit der verschiedenen Treueformen innerhalb der individuellen Hierarchie variiert von Mensch zu Mensch. Manchmal geht es um einfache, sehr pragmatische Dinge, manchmal auch um hohe Ideale.

Treue und Ursprungskontrakt

Grundsätzlich ist eine funktionierende Kommunikation innerhalb der Partnerschaft immer am wichtigsten, um späteren Missverständnissen und Konflikten bestmöglich vorzubeugen. Ein Paar sollte klare Absprachen und Regelungen treffen. Das kann der Umgang mit bestimmten Situationen sein oder auch mit Werten, Vorstellungen und dergleichen mehr. Dies könnte man auch als eine Art Vertrag bezeichnen, der in der Paartherapie »Ursprungskontrakt« genannt wird.

Hierein fallen unter anderem auch die Vorstellungen, die Partner zum Thema Treue haben und welchen Stellenwert diese innerhalb der Partnerschaft einnehmen soll. Leider ist es sehr oft der Fall, dass die Regeln und konkreten Bedürfnisse der Partner zu keinem Zeitpunkt wirklich detailliert und ernsthaft kommuniziert, sondern nur grob oder beiläufig besprochen wurden. Das kann zu Missverständnissen führen, weil viele in der Regel davon ausgehen, dass das, was für sie in Ordnung ist, auch für den anderen in Ordnung sein wird. In der Realität sieht das häufig ganz anders aus und führt gerade bei Seitensprüngen im Nachhinein zu großen Schwierigkeiten. Auf jeden Fall wird ein Seitensprung des aktiven Partners beim passiven Partner wohl immer zu einer Verletzung führen, unabhängig davon, ob es einen diesbezüglichen Ursprungskontrakt zwischen dem Paar gibt oder nicht.

Wurde die sexuelle Treue jedoch klar definiert, wird das Ausmaß der Untreue umso größer, je stärker der Bruch des Ursprungskontraktes ist. Auf das Sexualleben des Paares bezogen, wird ein Flirt außerhalb der Beziehung sicherlich weniger verletzen als ein Seitensprung oder mehr. Und wie bereits erwähnt, wird es auch darum gehen, ob es sich um den Bruch zuvor eindeutig artikulierter oder stillschweigend vorausgesetzter Regeln handelt.

Fazit

Meist gestaltet sich der therapeutische Umgang mit Konflikten auf der Basis klarer Ursprungsvereinbarungen leichter, weil in diesem Fall der Lösungsansatz schneller und konkreter erarbeitet werden kann. Der »Fall« ist gewissermaßen klar, sodass es vor allem darum geht, ob der Verletzte bereit beziehungsweise in der Lage ist zu vergeben.

Die Arbeit mit Paaren ohne klare Ausgangsbasis gestaltet sich hingegen oft schwieriger, da es zunächst darum geht, Missverständnisse zu klären. Was der eine noch im Rahmen der nie wirklich artikulierten Regeln sieht, liegt beim Partner nicht selten schon deutlich außerhalb dessen; das erlebe ich in der Praxis immer wieder.

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Foto: © Monika Preisel (Zypern)

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