{"id":5286,"date":"2019-10-11T18:50:32","date_gmt":"2019-10-11T16:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/?p=5286"},"modified":"2023-02-02T16:21:21","modified_gmt":"2023-02-02T15:21:21","slug":"was-ist-der-haeufigste-paarkonflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/was-ist-der-haeufigste-paarkonflikt\/","title":{"rendered":"Was ist der h\u00e4ufigste Paarkonflikt?"},"content":{"rendered":"<p>Aff\u00e4ren, Seitenspr\u00fcnge oder das Fremdgehen z\u00e4hlen zu den bekanntesten Partnerschaftskrisen. Aber sind sie das tats\u00e4chlich auch? Ich denke n\u00e4mlich, dass sie lediglich eine Folge aus dem Paarkonflikt sind, den ich nach vielen Jahren in meiner Praxis immer wieder beobachtet kann. Und der gr\u00f6\u00dfte Konflikt lautet ganz schlicht: Schieflage!<!--more--><\/p>\n<h2>Was ist eine Schieflage in einer Beziehung?<\/h2>\n<p>Vielleicht haben Sie schon mal von einer Mutter-Sohn- oder Vater-Tochter-Beziehung geh\u00f6rt? Wie der Name schon aussagt, stehen hier keine zwei Menschen auf Augenh\u00f6he, sondern es gibt eine Schieflage. Das hat \u00fcbrigens nichts mit den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden zu tun oder zumindest nicht direkt. Es geht vielmehr um die innere Haltung der beiden Beziehungspartner zueinander.<\/p>\n<p>Diese stehen in der Schieflage in einer Abh\u00e4ngigkeit zueinander, die manchmal ganz sch\u00f6n verborgen liegt und erst im therapeutischen Prozess an die Oberfl\u00e4che kommt und sichtbar wird. Fast immer ist das ein Schock f\u00fcr die Beteiligten. Doch genau hier liegt die Heilungschance.<\/p>\n<p>Es sei erw\u00e4hnt, dass es diese Konstellationen nat\u00fcrlich auch in homosexuellen Beziehungen gibt. Da w\u00fcrden sie dann Mutter-Tochter- oder Vater-Sohn-Beziehung hei\u00dfen, damit wir hier politisch korrekt verfahren;-). Ich bleibe in diesem Artikel bei den \u201eklassischen\u201c Bezeichnungen.<\/p>\n<h2>Haben wir eine Mutter-Sohn-Beziehung?<\/h2>\n<p>Ich will kurz zusammenfassen, wie sich die Paardynamik hier darstellt und ansonsten auf zwei <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wenn-frauen-in-der-partnerschaft-zur-mutti-werden-1-teil\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">detailliertere Beitr\u00e4ge<\/a> zum Thema verweisen. Der typische Verlauf sieht so aus, dass die Frau, zun\u00e4chst meist um zu gefallen, einen Gro\u00dfteil der Dinge\/Belange an sich rei\u00dft. Manchmal geschieht das auch aus einem Perfektionsanspruch heraus, da sie \u00fcberzeugt ist, es am besten zu wissen oder zu k\u00f6nnen. Der Partner gen\u00fcgt ihren Anspr\u00fcchen nicht.<\/p>\n<p>Dauerhaft f\u00fchrt das allerdings zu \u00dcberforderung und dadurch baut sich Groll auf. Das geschieht kontinuierlich und schleichend. Sehr h\u00e4ufig kommt es bei diesem Muster zu einem Kollaps sp\u00e4testens dann, wenn (echte) Kinder dazukommen, denn die (vermeintliche) Verantwortung w\u00e4chst damit auf ein ungesundes Ma\u00df heran. Es gilt f\u00fcr zwei weitere Menschen zu sorgen.<\/p>\n<p>Der Mann hingegen genie\u00dft die Abgabe der Verantwortung in der Regel sehr und gelangt immer mehr zu der \u00dcberzeugung, dass er es ihr sowieso nicht recht machen kann. Seine anf\u00e4nglichen Versuche werden irgendwann frustriert eingestellt. Dass dadurch immer mehr auf den Schultern der Frau lasten, registrieren beide erst dann, wenn es oft zu sp\u00e4t ist und die Liebesgef\u00fchle sich verabschieden oder andere Wege gehen.<\/p>\n<p>Hier sei angemerkt, dass Paare so gut wie immer viel zu wenig miteinander reden. Zumindest \u00fcber die wirklich wichtigen Dinge jenseits der oberfl\u00e4chlichen Gespr\u00e4chsebene (\u201eWer holt wann die Kinder ab und was essen wir morgen?\u201c).<\/p>\n<p>Mehr lesen zu Mutter-Sohn-Beziehungen: <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wenn-frauen-in-der-partnerschaft-zur-mutti-werden-1-teil\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wenn Frauen in der Partnerschaft zur Mutti werden &#8211; Teil 1<\/a> und \u00a0<a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wenn-frauen-in-der-partnerschaft-zur-mutti-werden-2-teil\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wenn Frauen in der Partnerschaft zur Mutti werden &#8211; Teil 2<\/a>.<\/p>\n<h2>Haben wir eine Vater-Tochter-Beziehung?<\/h2>\n<p>Bei den Paaren, die zu mir in die Beziehungspraxis kommen, ist der Mann bis heute immer noch \u00e4lter als die Frau, obwohl sich das gerade etwas ver\u00e4ndert. Oft ist er beruflich wegen des Altersvorsprungs schon weiter vorangeschritten und manchmal sogar besser ausgebildet. Fast immer hat er auch das h\u00f6here Gehalt. Ob er daher auch mehr Lebenserfahrung hat, sei dahingestellt, jedenfalls wirken sich gro\u00dfe Altersunterschiede fast immer ung\u00fcnstig auf eine Schieflage aus. Gerade hier sieht man, dass die innere Haltung viel entscheidender ist, als die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die Dynamik ist, dass der Mann in dieser Konstellation oft den versorgenden Teil \u00fcbernimmt. Eine Rollenverteilung, die h\u00e4ufig schon in den Ursprungsfamilien so gelebt und selten hinterfragt wird. Daraus haben beide einen Nutzen. Die Frau f\u00fchlt sich in materiell sicher, sie k\u00fcmmert sich um die Kinder und stellt h\u00e4ufig ihre Karriere hinter der ihres Mannes an. Der Mann hingegen ist durch seine klare Rolle ebenfalls in (vermeintlicher) Sicherheit und hat die Kontrolle \u00fcber das Geschehen. Er sitzt materiell also am l\u00e4ngeren Hebel.<\/p>\n<p>Dieses System kollabiert sp\u00e4testens dann, wenn die Frau beginnt nach vorne zu streben. Sie beginnt m\u00f6glicherweise wieder zu arbeiten, wenn die Kinder gr\u00f6\u00dfer werden und keine Rundum-Betreuung mehr ben\u00f6tigen. Ihr Weg in die eigene Unabh\u00e4ngigkeit kann beginnen. Dadurch werden die Karten neu gemischt und die Rollen anders verteilt. Hier krankt es gerne daran, dass zu wenig miteinander gesprochen wurde und die Bed\u00fcrfnisse zu lange unterdr\u00fcckt oder unber\u00fccksichtigt geblieben sind. In vielen F\u00e4llen gibt es eine ziemlich abrupte Ver\u00e4nderung bei den Frauen, die manchen Mann mit gro\u00dfem Unverst\u00e4ndnis zur\u00fccklassen.<\/p>\n<h2>Wenn die Augenh\u00f6he in der Partnerschaft fehlt<\/h2>\n<p>Ich glaube, dass Augenh\u00f6he etwas Existentielles ist. F\u00fcr mich hat es sogar etwas mit W\u00fcrde zu tun. Es ist das Gegenteil von einem Machtverh\u00e4ltnis und die tun keinem Menschen gut. Ob im Job, zwischen Eltern und Kindern oder in Freund- und Nachbarschaft gilt das genauso, wie in einer Liebesbeziehung.\u00a0Anderen Menschen auf Augenh\u00f6he zu begegnen ist allerdings wirklich eine Kunst und erfordert entsprechende Reife.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Schieflagen: Wo Macht ist, gibt es auch Ohnmacht und jeder kennt dieses schreckliche Gef\u00fchl der Hilflosigkeit. Leider sind nur wenige Menschen in ihrer Entwicklung an dem Punkt, an dem sie anderen auf echter Augenh\u00f6he begegnen k\u00f6nnen. In meiner Praxis beobachte ich jeden Tag, wie Partner sich auf Kosten des anderen in die Machtposition zu bringen versuchen. Derjenige, der sich unterlegen f\u00fchlt, holt zum Gegenschlag aus und will den \u201eGegner\u201c (ehemals Partner) runterdr\u00fccken, um selbst von Ohnmacht in die Machtposition zu gelangen. Das Machtspiel hat begonnen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.<\/p>\n<p>Es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, dass Beziehungen, die diesem Prinzip unterliegen, keine liebevollen, wohlwollenden oder wertsch\u00e4tzenden Partnerschaften sein k\u00f6nnen. Jedoch k\u00f6nnen sie oft jahrelang, manchmal sogar ein Leben lang &#8222;funktionieren&#8220;. Aber das hat seinen Preis. Im Grunde f\u00fcr beide, oft auch f\u00fcr die Kinder. Denn das Paar steht in starker Abh\u00e4ngigkeit zueinander, auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht nicht so leicht zu erkennen ist. Gef\u00fchle wie Frust, Wut, Verzweiflung, manchmal sogar Hass sorgen daf\u00fcr, dass sich die \u201eLiebe\u201c dann schleichend verabschiedet.<\/p>\n<h2>Fazit &#8211; Machtk\u00e4mpfe vermeiden und Augenh\u00f6he leben<\/h2>\n<p>Ich glaube daran, dass wir bessere Beziehungen h\u00e4tten, wenn mehr Menschen im Umgang miteinander auf Augenh\u00f6he w\u00e4ren. Es geht weder demjenigen gut, der die Macht aus\u00fcbt (au\u00dfer empathielosen Psychopathen!), noch demjenigen, der darunter leidet und dennoch ist und bleibt die Schieflage der h\u00e4ufigste Paarkonflikt, aus dem heraus sich alle anderen Konflikte \u00fcberhaupt erst entwickeln.<\/p>\n<p>Entweder k\u00e4mpfen Paare jahrelang um ihre Autonomie innerhalb der Beziehung oder einer resigniert irgendwann. Dann kommt es meist zur Trennung und nicht selten ist das Sprungbrett daf\u00fcr eine Au\u00dfenbeziehung.<\/p>\n<p>Beziehungen sollten kein Kampf sein, sondern ein Spiel. Das kann nur auf Augenh\u00f6he stattfinden, sonst verliert sich die Leichtigkeit und Schwere \u00fcbernimmt die F\u00fchrung. Machtk\u00e4mpfe haben immer den Preis der Lebendigkeit. Man sollte unbedingt daf\u00fcr sorgen, immer eine Wahl zu haben. Daf\u00fcr ist viel Reife erforderlich und die bekommen wir nur durch Wachstum und (Pers\u00f6nlichkeits-)Entwicklung. Aber das lohnt sich immer. Denn ich glaube fest daran, dass wir eine friedlichere Welt h\u00e4tten, wenn wir bessere Beziehung f\u00fchren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Foto: \u00a9 Privat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aff\u00e4ren, Seitenspr\u00fcnge oder das Fremdgehen z\u00e4hlen zu den bekanntesten Partnerschaftskrisen. Aber sind sie das tats\u00e4chlich auch? Ich denke n\u00e4mlich, dass sie lediglich eine Folge aus dem Paarkonflikt sind, den ich nach vielen Jahren in meiner Praxis immer wieder beobachtet kann. 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