{"id":5021,"date":"2019-05-24T15:38:39","date_gmt":"2019-05-24T13:38:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/?p=5021"},"modified":"2019-05-24T15:38:39","modified_gmt":"2019-05-24T13:38:39","slug":"wirksamkeit-von-paartherapien-erwartungen-und-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wirksamkeit-von-paartherapien-erwartungen-und-grenzen\/","title":{"rendered":"Wirksamkeit von Paartherapien &#8211; Erwartungen und Grenzen"},"content":{"rendered":"<p>Was k\u00f6nnen Therapeuten leisten und was m\u00fcssten eigentlich die Klienten selbst tun? Diese Frage ist immer wieder gro\u00dfes Thema, \u00fcber das wir regelm\u00e4\u00dfig in Paartherapeutentreffen, regionalen Gruppen und Supervisionen diskutieren. Wir kommen zu dem Entschluss, dass die Erwartungshaltung eines (oft schon zerr\u00fctteten) Paares an den Therapeuten h\u00e4ufig weit von der Realit\u00e4t entfernt ist. Der Therapeut in seiner Funktion als Wunderheiler?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Spiegel Online ver\u00f6ffentlichte 2017 einen Artikel, und sagte aus, dass Paare im Durchschnitt sechs(!) Jahre zu sp\u00e4t in die Paartherapie k\u00e4men. Das erscheint mir pers\u00f6nlich eine extrem hohe Zahl, vor allem weil viele Paare mit denen wir es zu tun haben, diese Haltbarkeitsdauer gar nicht erst erreichen! Aber was ich definitiv behaupten kann: Nahezu alle Paare h\u00e4tten besser daran getan, wenn sie sich bereits fr\u00fchzeitiger Unterst\u00fctzung geholt h\u00e4tten. In meiner Praxis kam es noch nie vor, dass ich jemanden wegschicken musste, weil er zu fr\u00fch zur Beratung kam, aber viele Menschen kommen leider viel zu sp\u00e4t.<\/p>\n<h2>Motivation = Leidensdruck<\/h2>\n<p>So ticken wir Menschen nun einmal: Erst muss der Leidensdruck stimmen, bis wir uns Hilfe suchen. Was Therapie angeht, ist die Hemmschwelle zwar in den letzten Jahrzehnten gesunken, aber gerade M\u00e4nner haben noch immer starke Vorbehalte. <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/die-angst-vor-paartherapie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Therapie und M\u00e4nnlichkeit<\/a> scheint irgendwie so gar nicht miteinander einher zu gehen. Aber lange Zeit war auch Fu\u00dfball und Homosexualit\u00e4t unvorstellbar, wobei da immer noch viel Luft nach oben ist und lediglich ein Anfang in den typisch m\u00e4nnlichen Bereichen gemacht ist.<\/p>\n<p>G\u00e4ngige (m\u00e4nnliche) Reaktionen zur Paartherapie sind: Man sei doch schlie\u00dflich nicht verr\u00fcckt, brauche keinen Dritten, der einem sagt, was man zu tun habe oder sei es gewohnt, die Dinge allein mit sich auszumachen. In der Regel ist dann aber so, dass der m\u00e4nnliche Part letztendlich gen\u00f6tigt einwilligt, wenn keine Wahl f\u00fcr ihn mehr besteht. Entweder Trennung oder Paartherapie lautet die Forderung der Frau. Im Grunde ist ist das f\u00fcr die Katz, denn die Wirksamkeit einer Zwangstherapie geht gegen null und beantwortet bereits die Frage, ob Therapie hier erfolgreich sein kann.<\/p>\n<h2>Paartherapie oder Trennungsberatung?<\/h2>\n<p>Immer wieder werde ich gefragt, wie erfolgreich Paartherapie \u00fcberhaupt sei. Ich antworte dann, dass es immer davon abh\u00e4ngt, in welchem Stadium ein Paar zu uns kommt. Nehmen wir das zuvor genannte Beispiel &#8222;Mann wurde von Frau in Praxis gezwungen&#8220; und kann sich vorstellen, dass er keinerlei Motivation zu eigener Ver\u00e4nderung hat, sondern ihn maximal die Hoffnung auf Abwendung der drohenden Trennung antreibt.<\/p>\n<p>Anderes Beispiel: Ein Paar ringt verzweifelt um Augenh\u00f6he nach einer mehrere Jahre(!) zur\u00fcckliegenden Aff\u00e4re. Immer wieder verstricken sie sich in Endlos-Diskussionen, aber glauben auch nach der langen Zeit immer noch, es alleine hinzukriegen. Irgendwann sitzt ein v\u00f6llig ersch\u00f6pftes und ausgelaugtes Paar schier hoffnungslos in meiner Praxis. Da bleibt selbst dem besten Therapeuten manchmal nur noch die Feststellung, dass bei dem Paar keinerlei restliche Energie mehr \u00fcbrig ist. Hier geht es schon l\u00e4ngst nicht mehr um Therapie, sondern nur noch um eine m\u00f6glichst gute Trennung. Wie kann man also den Erfolg von Paartherapien bei so etwas messen?<\/p>\n<h2>Therapeut als Retter?<\/h2>\n<p>Menschen, die zu mir kommen, sind in der Regel immer sehr verzweifelt. Viele stehen unmittelbar vor einer Trennung. Nicht selten handelt es sich um Streitpaare, die sich bereits unz\u00e4hlige Verletzungen zugef\u00fcgt haben. Nat\u00fcrlich haben alle Klienten schon eine Menge in Eigenregie versucht, um die Beziehung zu stabilisieren oder eine Trennung abzuwenden. Den meisten Paaren gelingt das \u00fcbrigens auch. Diejenigen, die es nicht im Alleingang packen, sehen den Therapeuten gerne als &#8222;letzte Rettung&#8220; und versuchen die Verantwortung f\u00fcr ihre Beziehung diesem zuzuschieben. So fern er nicht an einem Helfersyndrom leidet, wird er diese weit von sich weisen.<\/p>\n<p>Bei Paaren, die mit einer aufgeflogenen Aff\u00e4re in die Beratung kommen, wird vom Passiven diese Aff\u00e4re in den allermeisten F\u00e4llen (heimlich nat\u00fcrlich) weitergef\u00fchrt. Ungl\u00fccklicherweise wird das nicht offen in der Therapie angesprochen, aber es wirkt auch so negativ in die Therapie hinein. Die Energie also, die dringend in die urspr\u00fcngliche Kernbeziehung flie\u00dfen m\u00fcsste, damit hier etwas Neues entstehen kann, wird weiterhin von au\u00dfen (also der Aff\u00e4re) abgezogen. Paartherapie macht an dieser Stelle keinerlei Sinn. Sie ist neben Zeit- und Geldverschwendung vor allem eines: Energieverschwendung f\u00fcr alle beteiligten Seiten. Wer will hier den Erfolg von Therapie nun messen?<\/p>\n<h2>Wiederholungst\u00e4ter?<\/h2>\n<p>Besonders hellh\u00f6rig werde ich, wenn Klienten berichten, dass sie schon einmal oder mehrmals Paartherapie in Anspruch genommen haben. Dann frage ich nach, was der Ausl\u00f6ser daf\u00fcr seinerzeit war und stelle h\u00e4ufig fest, dass es sich um genau die gleichen Themen gehandelt hat, mit denen das Paar nun auch zu mir kommt. Hier sollte sich f\u00fcr jeden Therapeuten nat\u00fcrlich die Frage aufdr\u00e4ngen, ob er sich in eine unendliche Reihe von (vermeintlich erfolglosen) Therapieans\u00e4tzen einreihen m\u00f6chte? Vielleicht hat er den Anspruch an sich selbst, es besser zu machen, aber vielleicht ist es auch ganz einfach so, dass die Klienten im Grunde gar nicht aus ihrer Komfortzone heraus wollten? Das klingt vielleicht merkw\u00fcrdig, ist in der Praxis aber sehr viel h\u00e4ufiger als umgekehrt. Und dann hat der Therapeut sowieso keinerlei Chance. Die Therapie wird nie von Erfolg gekr\u00f6nt sein.<\/p>\n<p>Es fehlt in den meisten F\u00e4llen n\u00e4mlich nicht an schlechter Beratung, sondern entweder ist die Klienten-Therapeuten-Beziehung nicht gelungen oder die Klienten setzen die erforderlichen Dinge einfach nicht um. Das verh\u00e4lt sich \u00e4hnlich wie bei Di\u00e4ten, wo die Methode nicht so wichtig ist, sondern man muss es einfach TUN. Ich jedenfalls kann meine Klienten nicht zum Jagen tragen, sondern sie nur motivieren selbst zur Jagd zu gehen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Am liebsten arbeite ich mit Menschen, die wirklich etwas von mir wollen, also echte Ver\u00e4nderungsw\u00fcnsche als Anliegen mitbringen. Obwohl ich einen spannenden Beruf habe, macht er nicht immer nur Spa\u00df und ein gro\u00dfer Teil meiner Aufgaben beinhaltet das Auffangen von jahrelang entstandenem Frust, Wut, Trauer und anderen starken Emotionen. Paartherapie gilt als K\u00f6nigsdisziplin der Therapie und vieles muss hier ausgehalten werden, vor allem Konflikte eine Menge Tr\u00e4nen. Ein paartherapeutisches Setting besteht aus drei Personen, wovon zwei immer besondere Aufmerksamkeit einfordern. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl auf sehr d\u00fcnnem Eis zu laufen mitunter versuchen Klienten sogar die Schuld zum Therapeuten zu schieben, wenn es zur Trennung kommt.<\/p>\n<p>Ich bin daher mit meiner Aussage \u00fcber die Wirksamkeit von Paartherapien sehr vorsichtig und kann f\u00fcr mich feststellen: Meine Arbeit l\u00e4uft fast von alleine, wenn die Klienten wirklich etwas wollen! In der Praxis hei\u00dft das, einen echten Wunsch nach Ver\u00e4nderung zu haben und dann lernen sie auch rasch, dass die L\u00f6sung nicht beim Partner oder beim Therapeuten liegen, sondern ausschlie\u00dflich bei sich selbst. Diese Therapien sind im \u00fcbrigen IMMER erfolgreich, sogar wenn es final nicht zu einer Weiterf\u00fchrung der Partnerschaft kommt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Foto: \u00a9 privat (Dalmatien)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was k\u00f6nnen Therapeuten leisten und was m\u00fcssten eigentlich die Klienten selbst tun? Diese Frage ist immer wieder gro\u00dfes Thema, \u00fcber das wir regelm\u00e4\u00dfig in Paartherapeutentreffen, regionalen Gruppen und Supervisionen diskutieren. Wir kommen zu dem Entschluss, dass die Erwartungshaltung eines (oft schon zerr\u00fctteten) Paares an den Therapeuten h\u00e4ufig weit von der Realit\u00e4t entfernt ist. 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