{"id":5008,"date":"2019-06-21T09:54:45","date_gmt":"2019-06-21T07:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/?p=5008"},"modified":"2019-06-21T17:02:34","modified_gmt":"2019-06-21T15:02:34","slug":"wirklich-tolerant-oder-nur-konfliktscheu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wirklich-tolerant-oder-nur-konfliktscheu\/","title":{"rendered":"Wirklich tolerant oder nur konfliktscheu?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist immer wieder erstaunlich, wie Fremd- und Eigenwahrnehmung in Bezug auf die eigene Person auseinander klaffen k\u00f6nnen. Dazu muss man verstehen, dass unser Bewusstsein die Dinge so hindreht, wie sie am besten f\u00fcr uns passen und wir m\u00f6glichst gut (vor anderen) dastehen. Es konfabuliert sozusagen.<\/p>\n<p>Weil Toleranz gerade in der heutigen Zeit ein G\u00fctesiegel zu sein scheint, ist es ein immer gern erw\u00e4hntes Adjektiv meiner Klienten. Klar, wer w\u00fcrde sich schon Intoleranz auf die Fahne schreiben wollen? H\u00e4ufig ist aber der Wunsch der Vater des Gedanken, gerade wenn man den Leuten etwas auf den Zahn f\u00fchlt. \u00dcbrigens sind Therapeuten daf\u00fcr bestens geeignet, denn ihre Aufgabe ist es, Menschen unvoreingenommen den (Au\u00dfen)spiegel hinzuhalten.<!--more--><\/p>\n<h2>Konflikte<\/h2>\n<p>Ich m\u00f6chte die Begriffe, die sich rund um das Thema Konflikte tummeln, ein bisschen besser ordnen und sortieren und meine Sichtweise darstellen. Der Hauptjob einer Paartherapeutin besteht aus Konflikten. Ob es darum geht, wer mehr im Haushalt tut, wer sich mehr um die Kinder k\u00fcmmert, wem von beiden es schlechter geht oder wer mit wem keinen Sex (mehr) hat \u2013 Konflikte ohne Ende und die Unterst\u00fctzung bei der Suche nach L\u00f6sungen f\u00fcllen meinen Arbeitsalltag.<\/p>\n<p>Es geht keinesfalls darum Konflikte zu vermeiden, was eh nicht m\u00f6glich w\u00e4re (und gesund schon gar nicht), sondern es geht darum, sie gut zu bew\u00e4ltigen. Hier liegt der Hase im Pfeffer immer begraben.<\/p>\n<h2>Konfliktscheu<\/h2>\n<p>Menschen, die nicht gelernt haben Konflikte auszuhalten, werden immer versuchen m\u00fcssen, diese irgendwie unter dem Teppich zu halten. Koste es was es wolle. Nach dem Motto: Wenn ich nicht dr\u00fcber rede, ist es auch nicht passiert und morgen ist wieder ein neuer Tag.<\/p>\n<p>Wer in einer Auseinandersetzung daran denkt, dass der Partner ihn verlassen wird, falls er nicht einlenkt, ist unfrei in seinem Handeln und zutiefst abh\u00e4ngig vom Gegen\u00fcber.\u00a0Diese Menschen bezeichnen sich besonders gerne als tolerant, weil sie davon \u00fcberzeugt sind, aus freiem Willen zu entscheiden, nachzugeben oder kompromissf\u00e4hig zu sein. Oft haben sie in ihrer Kindheit ein Schuldthema entwickelt und wurden zu \u00fcberangepasstem Verhalten gezwungen. In ihren Liebesbeziehungen holt sie ihr konfliktscheues Verhalten aber wieder ein.<\/p>\n<p>Ein wirklich toleranter Mensch ist jemand, der zwischen wichtigen (hier ist mein Standpunkt f\u00fcr den ich einstehe) und vermeidbaren Konflikten (f\u00fcnf gerade sein lassen zu k\u00f6nnen) unterscheiden kann. Also ein Mensch, der auch tats\u00e4chlich eine Wahl hat. Und das sind die wenigsten.<\/p>\n<h2>Harmonies\u00fcchtig<\/h2>\n<p>Meisten wird dieser Begriff von Leuten genannt, denen ihre Konfliktscheue ausreichend bekannt ist und die auch einen gewissen Leidensdruck dahingehend haben. Ihnen ist bewusst, dass sie im Grunde keinerlei Wahl haben, sondern in Konflikten immer den K\u00fcrzeren ziehen. Sie haben oft schlechten Selbstwert, tun sich schwer f\u00fcr sich selbst einzustehen, treffen ungern Entscheidungen und sind im Allgemeinen sehr unsichere Pers\u00f6nlichkeiten. Alles Handeln orientiert sich am geringsten Konfliktpotential. Ihre Emotionen entladen sich \u00fcbrigens gerne in passiv-aggressiven Verhalten.<\/p>\n<p>Wie das Wort Sucht in dem Wort \u201eharmonies\u00fcchtig\u201c schon beschreibt, geht es dabei immer um Abh\u00e4ngigkeit. Dies impliziert bereits keine Wahlm\u00f6glichkeiten zu haben. Derjenige muss einfach, in diesem Fall harmonies\u00fcchtiges Verhalten an den Tag legen. Und das tun sie nicht aus reiner Menschenliebe, Gef\u00e4lligkeit oder Selbstlosigkeit. Sie geben vor, den Partner zu schonen, aber schonen\u00a0in allererster Linie sich selbst.<\/p>\n<h2>Konfliktf\u00e4hig<\/h2>\n<p>Hier siedele ich die goldene Mitte an. Menschen, die sich in einer guten Balance befinden, die gelernt haben, Verantwortung f\u00fcr sich zu \u00fcbernehmen und nicht den anderen verantwortlich zu machen, wenn sie einmal au\u00dfer Balance geraten und zu sehr in den Extremen h\u00e4ngen. Sie stellen leider eine Minderheit dar, denn es braucht einen ziemlich hohen Reifegrad, der nur durch (Eigen)Reflexion entstehen kann.<\/p>\n<p>Bei unbewusste Menschen, die in ihren Beziehungen dieselben Muster einfach nur weiterleben, handelt es sich um erlerntes Verhalten in ihren Herkunftsfamilien. Sie kommen entweder aus sehr konflikttr\u00e4chtigen Familien, wo Streit und lautstarke Auseinandersetzungen an der Tagesordnung standen (und sie dadurch entwicklungstraumatisiert wurden) oder aus extrem konfliktscheuen Familien, wo jedwedes Konfliktpotential unter den Teppich gekehrt wurde (daher fehlende Vorbilder) und \u201eHappy Family\u201c gespielt wurde.<\/p>\n<h2>Konfliktfreudig<\/h2>\n<p>Diese Menschen haben keine Angst vor Konflikten und diskutieren die Dinge gern aus. Leider \u00fcbersehen sie manchmal die Grenze, ob das notwendig ist oder nicht. Sie wollen oft auch einfach nur Recht haben. Dieses Rechthaben dient insbesondere ihrer eigenen Stabilit\u00e4t, die in Diskussionen oder konflikthaften Situationen schnell ins Wanken ger\u00e4t. Dann schrecken sie nicht davor zur\u00fcck, die eigene Stabilit\u00e4t notfalls auch durch die Destabilisierung des Gegen\u00fcbers, wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Ihre gro\u00dfe Herausforderung ist es, hierbei mehr Sensibilit\u00e4t zu entwickeln und ihr eigenes Verhalten zun\u00e4chst unter die Lupe zu nehmen. Denn die allermeisten Menschen haben gelernt, sich auf Kosten anderer zu stabilisieren und Konflikte konfrontativ zu l\u00f6sen: Entweder du oder ich, als wenn es kein Dazwischen g\u00e4be.<\/p>\n<h2>Konflikts\u00fcchtig<\/h2>\n<p>Diese Menschen k\u00f6nnen ohne Streit gar nicht leben. In vielen F\u00e4llen schaffen sie dadurch Distanz statt N\u00e4he. Dies ist eine \u00dcberlebensstrategie, die echte Bindung verhindert. Diejenigen, die unter Bindungsangst leiden, w\u00e4hlen h\u00e4ufig Streit als Rettungsverhalten, damit der Partner ihnen ja nicht zu nahe r\u00fcckt. Das geschieht besonders dann, wenn es gerade besonders gut in der Beziehung l\u00e4uft und sich Bindung entwickelt. Es darf nicht zu lange zu gut laufen.<\/p>\n<p>In ihren Beziehungen herrschen dauerhaft Machtk\u00e4mpfe und es geht ausschlie\u00dflich um Rechthaberei. Augenh\u00f6he ist f\u00fcr sie ein absolutes Fremdwort und der Partner wird schnell in einem Konflikt zum Gegner, der nur mit Abwertung bek\u00e4mpft werden kann. Diese Menschen wurden in ihrer Kindheit oft ungerecht behandelt oder empfanden es zumindest so. Leider sind bei ihnen auch selbsthassende Tendenzen entstanden, die sie dann auf ihr Umfeld projizieren. Sie haben einige Entwicklungsarbeit n\u00f6tig, wenn sie sich daraus befreien wollen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>In meiner Praxis habe ich es immer mit drei Arten von Paaren zu tun:<\/p>\n<ul>\n<li>Streitpaare (die k\u00f6nnen nicht mit und nicht ohne einander) \u2013 sie leben quasi dauerhaft <strong>gegeneinander<\/strong><\/li>\n<li>Harmoniepaare (die gelten im Freundes- und Bekanntenkreis immer als Traumpaar!) \u2013 sie leben jedoch <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/miteinander-nebeneinander-oder-gegeneinander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>nebeneinander<\/strong><\/a> (weil sie sich nie wirklich auseinandersetzen)<\/li>\n<li>und diejenigen, die an einem Strang ziehen (das sind die, die oft noch nicht wissen WIE, aber immer wissen, DASS sie es schaffen!) \u2013 sie leben ein echtes <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/miteinander-nebeneinander-oder-gegeneinander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Miteinander<\/strong><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Entscheidung in einer Partnerschaft auf Augenh\u00f6he zu sein, beinhaltet den Mut, die Disziplin und letztendlich die F\u00e4higkeit sich zun\u00e4chst immer erst selbst zu reflektieren, um m\u00f6glichst wenig Eigenes auf den Partner zu projizieren. Nur so ist eine friedliche Koexistenz erreichbar, als gesunde und tragf\u00e4hige Basis.<\/p>\n<p>Viele Menschen haben aber diesen Mut nicht, sondern die Angst sich mit sich selbst auseinanderzusetzen \u00fcberwiegt, und somit bleibt der Blick auf den Partner gerichtet, statt auf sich selbst. Heilung innerhalb einer Partnerschaft ist dann leider nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Foto: \u00a9 privat (Isarkanal M\u00fcnchen)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist immer wieder erstaunlich, wie Fremd- und Eigenwahrnehmung in Bezug auf die eigene Person auseinander klaffen k\u00f6nnen. Dazu muss man verstehen, dass unser Bewusstsein die Dinge so hindreht, wie sie am besten f\u00fcr uns passen und wir m\u00f6glichst gut (vor anderen) dastehen. Es konfabuliert sozusagen. 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