{"id":4912,"date":"2019-03-22T16:29:21","date_gmt":"2019-03-22T15:29:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/?p=4912"},"modified":"2019-07-09T10:44:52","modified_gmt":"2019-07-09T08:44:52","slug":"narzissmus-in-der-paartherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/narzissmus-in-der-paartherapie\/","title":{"rendered":"Narzissmus in der Paartherapie"},"content":{"rendered":"<p>In meinem letzten Beitrag habe ich erkl\u00e4rt, wie die beiden Extrempole des <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/narzisstische-beziehungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Narzissmus<\/a> aussehen und sich voneinander unterscheiden. Heute m\u00f6chte ich darstellen, wie sie am h\u00e4ufigsten in meiner Praxis auftreten. Die bitterste Nachricht zuerst: Niemand ist in einer Partnerschaft mit einem Narzissten, ohne nicht selbst auch entsprechende Anteile zu haben, wobei die Auspr\u00e4gung der narzisstischen Pers\u00f6nlichkeitsz\u00fcge immer unterschiedlich sind. Aber das will nat\u00fcrlich keiner so gerne h\u00f6ren.<!--more--><\/p>\n<h2>Narzisstische Kollusion<\/h2>\n<p>Dieser Begriff stammt (in diesem Zusammenhang) von dem Schweizer Psychiater und Paartherapeuten J\u00fcrg Willi und wird verwendet, wenn von einem Paar innerhalb einer Zweierbeziehung eine \u00e4hnliche \u201eGrundmelodie\u201c gespielt wird. Die Kern(problem)themen der Partner greifen derart ineinander, dass die Beziehung genau dadurch existieren kann. Man k\u00f6nnte sagen, der eine braucht den anderen um von seinem eigenen Thema abzulenken und solange sich keiner von beiden ver\u00e4ndert und auch die Lebensumst\u00e4nde gleichbleiben, k\u00f6nnen diese Beziehungen tats\u00e4chlich funktionieren (\u00fcber die Qualit\u00e4t m\u00f6chte ich hier nicht urteilen). Aber wehe dem, der hier f\u00fcr Wellenschlag sorgt!<\/p>\n<p>Jeder kennt sicher die Helfer-\/Pfleglingsbeziehungen, in denen ein Partner bed\u00fcrftig\/krank ist und der andere diesen pflegt. Beide brauchen sich, um von ihrem eigentlichen Thema abzulenken und stabilisieren dadurch ihre Partnerschaft. Die Narzisstische Kollusion allerdings kommt in der Praxis am h\u00e4ufigsten vor und um die geht es heute.<\/p>\n<h2>Alles, nur keine Augenh\u00f6he<\/h2>\n<p>Hier finden sich n\u00e4mlich die beiden Extreme des Narzissmus innerhalb einer Beziehung wieder, was ganz sch\u00f6n spannend werden kann. Der &#8222;Grandiose&#8220; Typ trifft auf den &#8222;Unterw\u00fcrfigen&#8220;. Weil ersterer h\u00e4ufiger bei M\u00e4nnern zu finden ist, wird er auch &#8222;M\u00e4nnlicher Narzissmus&#8220; genannt, der andere hingegen ist der &#8222;Weibliche Narzissmus&#8220;. Ebenfalls sind sie unter den Begriffen &#8222;Gr\u00f6\u00dfenselbst-Narzisst&#8220; und &#8222;Gr\u00f6\u00dfenklein-Narzisst&#8220; bekannt. Ich pers\u00f6nlich spreche am liebsten von einem Narzissten (egal welchen Geschlechts) und dem Pendant, dem sogenannten Co-Narzissten (auch egal, welches Geschlecht dieser hat).<\/p>\n<p>F\u00fcr welche Begrifflichkeiten wir uns auch immer entscheiden m\u00f6gen, so ist eines in ihren Beziehungen immer gleich: Es gibt niemals Augenh\u00f6he! Dennoch sind sie absolut davon \u00fcberzeugt, dass sie in einer guten Partnerschaft leben. Beide decken sich gegenseitig ihre blinden Flecken. Da fragt man sich doch, warum diese Paare \u00fcberhaupt zu einem Therapeuten kommen. Das ist eigentlich ganz einfach.<\/p>\n<p>Weil diese Paare nie auf <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/destruktive-schaedliche-toxische-beziehungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Augenh\u00f6he<\/a> agieren, haben sie immer eine Schieflage. Narzisst ist oben, Co-Narzisst unten, wie auf einer Wippe (manchmal \u00e4hnelt das Verhalten auch tats\u00e4chlich einem Kinderspielplatz). Sie leben immer in Machtbeziehungen und sind unentwegt in Machtk\u00e4mpfe verstrickt. Oft droht der Co-Narzisst mit Trennung oder ist dabei diese schon zu vollziehen, oder das Paar ist noch in extreme Streitspiralen verwickelt; jedenfalls muss der Leidensdruck immer riesig sein, damit sie unsere T\u00fcrschwelle \u00fcbertreten. Narzissten suchen in der Therapie im Grunde nur einen Schiedsrichter, jemanden, der ihnen Recht gibt und dem Partner somit Unrecht. Dass Therapie alles ist, aber nicht das, brauche ich hoffentlich nicht erw\u00e4hnen.<\/p>\n<h2>Das gro\u00dfe Leid der Narzissten<\/h2>\n<p>Sie k\u00f6nnen nicht mit Kritik umgehen, egal wie konstruktiv sie gemeint ist. Es ist ein bisschen wie ein Eiertanz. Anerkennung, Best\u00e4tigung, Lob, Ansehen usw. ist das, wonach sie unaufhaltsam streben. Daf\u00fcr w\u00fcrden sie beinahe alles tun. Der Narzisst braucht unendliche und stetige Bewunderung, die er von seinem Co-Narzissten zumindest am Anfang der Beziehung auch immer erh\u00e4lt (hier nochmal kurz an die f\u00fcr beide so wichtigen Statussymbole denken;-)). Wehe aber, wenn die Bewunderung ausbleibt, zum Beispiel weil ein Baby geboren wird oder der Hund einmal mehr Zuwendung bekommt.<\/p>\n<p>Zugrunde liegt allen narzisstischen Menschen ein mangelndes, meist sogar g\u00e4nzlich fehlendes Selbstwertgef\u00fchl, das sich bei beiden Partnern als die Wurzel des \u00dcbels zeigt. Es handelt sich immer um fr\u00fchkindliche (nicht positive) Erfahrungen, also im Grunde um eine Beziehungsst\u00f6rung mit den Bezugspersonen. Der Schmerz \u00fcber die erlebten Defizite wird nicht erkannt und aufgearbeitet, so dass die Kompensation viele verschiedene Gesichter haben kann, Hauptsache der alte tiefe Schmerz wird nicht gesp\u00fcrt. Je gr\u00f6\u00dfer der erlebte Mangel an elterlicher Liebe war, desto st\u00e4rker die Abwehr, um die erlebten Kr\u00e4nkungen auch nie wieder sp\u00fcren zu m\u00fcssen. Das erkl\u00e4rt auch die heftigen Reaktionen, wenn der Partner diesen verletzten Kern ber\u00fchrt, indem sein Verhalten den Narzissten triggert und alte Wunden aufrei\u00dft.<\/p>\n<h2>Der Therapeut \/ die Therapeutin<\/h2>\n<p>Der Narzisst ist es gewohnt, sich mit Menschen zu umgeben, die zu ihnen aufschauen und sie bewundern. Das w\u00e4re als Therapeut eher kontraproduktives Verhalten;-). Wenn sie den Raum betreten, m\u00f6chten sie rasch Klarheit schaffen, wer das Sagen hat. Weil Narzissten zutiefst unsichere Menschen sind, m\u00fcssen sie ihr Umfeld einteilen und kategorisieren, in Freund oder Feind. Wenn man \u00fcber keinen Selbstwert verf\u00fcgt, muss man zumindest so tun, als wenn man ihn h\u00e4tte, und die eigene Aufwertung erfolgt oft \u00fcber die Abwertung anderer. Sie verhalten sich gerne nach dem Motto: Ich bin okay, aber du nicht!<\/p>\n<p>Die Co-Narzissten spielen das ewige Spiel der Opfer, das ich auch &#8222;Hab nix &#8211; kann nix &#8211; bin nix&#8220; nenne und leben das Motto: Du bist okay, aber ich nicht!<\/p>\n<p>Daher ist es von Vorteil, wenn der Therapeut selbst so reflektiert ist und seine eigenen narzisstischen Anteile kennt, damit er in das Spiel von Aufwertung und Abwertung auf keinen Fall einsteigt. Eigene narzisstische blinde Flecken h\u00e4tten verheerende Folgen. Denn man stelle sich vor, eine Therapeutin bewundert ihren Klienten, der sich ohnehin schon im Bereich des Gr\u00f6\u00dfenwahns befindet. Oder ein Therapeut versucht seine jammernde, klagende Klientin aus ihrem Opfer-Dasein zu holen, indem er sie in ihrem Leid permanent best\u00e4tigt. Die Therapie w\u00e4re sinnlos.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Es muss in der <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/die-angst-vor-paartherapie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Paartherapie<\/a> gelingen, die Klienten dort abzuholen, wo sie stehen und ihren Schmerz, der ihrem Verhalten zugrunde liegt, wirklich erkennen. Geschieht das von seiten des Therapeuten nicht, k\u00f6nnen \u00dcbertragungsgef\u00fchle von Wut und Verachtung oder sogar Mitleid entstehen, was keine Therapiegrundlage sein darf.\u00a0 Ausschlie\u00dflich Mitgef\u00fchl (nicht Mitleid!) kann die Basis einer guten und professionellen Therapeuten-\/Klientenbeziehung sein. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass der Klient, also der Narzisst, nichts von Gef\u00fchlen h\u00f6ren will und meist sogar aggressiv reagiert, wenn man ihn nach seiner Kindheit befragt. Schlie\u00dflich sitzt genau hier der Schmerz.<\/p>\n<p>Es ist ein Balanceakt, zwischen den beiden narzisstischen Extremen hin- und her zu schwingen, beiden Partnern das Gef\u00fchl zu geben, dass sie gesehen und geh\u00f6rt werden. Mitzugehen, aber dennoch zu f\u00fchren &#8211; mit einer klaren Haltung der Unparteilichkeit. Echte Augenh\u00f6he herzustellen, obwohl das f\u00fcr Narzissten absolut unbekanntes Terrain ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Foto: \u00a9 Alexandra Hartmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem letzten Beitrag habe ich erkl\u00e4rt, wie die beiden Extrempole des Narzissmus aussehen und sich voneinander unterscheiden. Heute m\u00f6chte ich darstellen, wie sie am h\u00e4ufigsten in meiner Praxis auftreten. Die bitterste Nachricht zuerst: Niemand ist in einer Partnerschaft mit einem Narzissten, ohne nicht selbst auch entsprechende Anteile zu haben, wobei die Auspr\u00e4gung der narzisstischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4913,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[276,274],"tags":[330,326,239,329,331,327],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4912"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4912"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5142,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4912\/revisions\/5142"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}