{"id":4301,"date":"2018-10-12T11:17:46","date_gmt":"2018-10-12T09:17:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/?p=4301"},"modified":"2018-11-30T16:30:27","modified_gmt":"2018-11-30T15:30:27","slug":"wie-geht-begehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wie-geht-begehren\/","title":{"rendered":"Wie geht Begehren?"},"content":{"rendered":"<p>Ist Begehren etwas, dass wir einfach so mitgeliefert bekommen oder handelt es sich dabei vielmehr um eine F\u00e4higkeit? Ich denke n\u00e4mlich, dass es genauso erlernbar ist, wie die Liebe selbst. Oder zumindest auch immer eine Entscheidung braucht.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen verwechseln Verliebtsein mit Liebe und unterscheiden somit nicht zwischen Gef\u00fchl und F\u00e4higkeit. Das mit dem Begehren verh\u00e4lt sich in meinen Augen \u00e4hnlich. Wir k\u00f6nnen kaum davon ausgehen, dass wir den Partner geschenkt und bis ans Lebensende begehrenswert empfinden. Aber schauen wir genauer, was dem Begehren alles dienlich sein kann.\u00a0<!--more--><\/p>\n<h2>Freiwilligkeit<\/h2>\n<p>Einer der h\u00e4ufigsten S\u00e4tze in meiner Praxis ist: \u201eMein Mann\/meine Frau\/wer auch immer \u00fcbt Druck auf mich aus!\u201c Gerade wenn einer der Partner mehr Sex will, als der andere, ist das leider ein \u201e\u00fcbliches\u201c Procedere. Dass Druck Gegendruck erzeugt und damit genau das Gegenteil bewirkt, wissen wir im Grunde. Emotionen kann man nicht <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wunsch-erwartung-oder-forderung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einfordern<\/a>! Auch wenn es mitunter schwer ist, mit dem fehlenden Begehren des Partners umzugehen oder es gar zu akzeptieren. Nur zu gerne interpretieren wir Zur\u00fcckweisung oder Ablehnung unserer Person hinein; auf der anderen Seite wollen wir doch auch keinen Partner, der uns falsches Begehren vorgaukelt. Wir halten fest, dass es selbstredend Sinn macht, nach den Ursachen zu forschen, wenn das Begehren l\u00e4ngere Zeit ausbleibt, jedoch Freiwilligkeit die Basis f\u00fcr jegliche Entstehung ist.<\/p>\n<h2>Augenh\u00f6he<\/h2>\n<p>Partner m\u00fcssen sich auf Augenh\u00f6he begegnen. Auch wenn das nicht permanent ausgeglichen sein kann, muss klar sein, dass es immer Schwierigkeiten gibt, wenn es zu dauerhaften Schieflagen kommt. Eine m\u00f6gliche Auswirkung sind Machtk\u00e4mpfe, die nicht immer laut und sichtbar ausgetragen werden m\u00fcssen, sondern &#8211; und das ist noch viel schlimmer! &#8211; unterschwellig. Oberfl\u00e4chlich sieht man ein liebes, nettes, harmonisches Paar, bei dem kein b\u00f6ses Wort f\u00e4llt, aber deren Groll entl\u00e4dt sich \u201efreundlich\u201c auf einer passiv-aggressiven Ebene. Ihr Motto: Weil wir uns immer sooo lieb haben m\u00fcssen (warum auch immer), zahle ich es dir halt so heim! Aber ganz egal, ob aggressiv oder passiv-aggressiv: in diesen Schieflagen-Beziehungen ist echtes Begehren nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Hier darf man bitte nicht vermischen, dass Dominanz und Unterwerfung, als sexuelle Spielart(!) eingesetzt, eine v\u00f6llig andere Komponente hat. Und dass Partnerschaft und Sexualit\u00e4t nicht immer den gleichen Regeln folgen m\u00fcssen, beschreibe ich gerne zu einem anderen Zeitpunkt;-). Der Vollst\u00e4ndigkeithalber seien auch weitere unausgeglichene Beziehungen, wie die sogenannte Mutter-Sohn bzw. Vater-Tochter-Beziehung hier kurz genannt.<\/p>\n<h2>Stabiles Selbstwertgef\u00fchl<\/h2>\n<p>Wie stehe ich mir selbst gegen\u00fcber da? Bin ich zufrieden mit mir, meinem K\u00f6rper, meiner Entwicklung? Oder zumindest mit meinem Prozess dorthin? Bin ich ein gl\u00fccklicher Mensch, der seine Bed\u00fcrfnisse kennt, und f\u00fcr deren Erf\u00fcllung ich selbst sorgen kann? Bin ich \u00fcberhaupt davon \u00fcberzeugt, dass ein Partner mich begehren kann? Oder geh\u00f6re ich zu denjenigen, die von ihren Partnern erhoffen oder gar erwarten, dass diese f\u00fcr meine eigenen Bed\u00fcrftigkeiten zust\u00e4ndig sind? Hier unterscheide ich \u00fcbrigens zwischen Bed\u00fcrfnissen und Bed\u00fcrftigkeit. Bed\u00fcrfnisse beinhalten ein Wollen, Bed\u00fcrftigkeiten ein Brauchen. Und Menschen, die brauchen, k\u00f6nnen nicht entscheiden. Es fehlt ihnen an echten Wahlm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Ein gutes Selbstwertgef\u00fchl wird ben\u00f6tigt, um den Partner so zu sehen, wie er ist. Das gilt auch f\u00fcr den Blick auf mich selbst. Niemand wird idealisiert, keiner wird abgewertet. Die Balance zwischen Idealismus und Realit\u00e4t stimmt.<\/p>\n<h2>Differenzierungsf\u00e4higkeit \/ Reife<\/h2>\n<p>Begehren hat mit Einlassen, Fallenlassen, Gehenlassen, Loslassen, kurzum mit allem LASSEN, also mit Hingabe zu tun. Und Hingabe ist das Gegenteil von Kontrolle. Das kann nur funktionieren, wenn man die Gewissheit besitzt, sich gegen\u00fcber des Partners auch abgrenzen zu k\u00f6nnen. Menschen, die diese F\u00e4higkeit (noch) nicht erlernt haben, schweben in st\u00e4ndiger Angst, sich im Partner aufzul\u00f6sen oder sich g\u00e4nzlich zu verlieren. Hingabe wird somit zur Gefahr und vor lauter Unsicherheit, was da alles passieren k\u00f6nnte, begehren viele Menschen einfach gar nicht (au\u00dfer ganz zu Beginn ihrer Verliebtheitsphase). Jedenfalls stellt sich das Begehren ein, wenn der Umgang mit Grenzen gest\u00f6rt ist. Diese m\u00fcssen stabil, aber zugleich auch flexibel sein, was kein Widerspruch ist.<\/p>\n<h2>Booster Sehnsucht<\/h2>\n<p>Warum begehren wir die Dinge, die wir nicht haben, nicht mehr haben oder gar nicht erst bekommen k\u00f6nnen? Die Antwort ist einfach: Weil wir Menschen sind. Wir m\u00fcssen lernen mit dem, was wir haben, bewusst, achtsam und wertsch\u00e4tzend umzugehen. Niemand (oder fast niemand) steht doch morgens dankbar auf, weil er schmerzfrei ist oder einfach nur leben darf, aber sobald Wehwehchen oder Schmerzen vorhanden sind, kreist alle Aufmerksamkeit darum.<\/p>\n<p>Machen wir uns bewusst, dass sich die gr\u00f6\u00dften (Liebes-)Klassiker in der Literatur auf die unbeantwortete Liebe beziehen. Sie r\u00fchren uns deshalb zu Tr\u00e4nen, weil sie sich aus unerf\u00fcllter Sehnsucht speisen. Und die hat auf das Begehren gro\u00dfen Einfluss.<\/p>\n<p>Weil wir uns In einer modernen Partnerschaft jedoch nicht dauernd trennen k\u00f6nnen, nur um Begehren aufkeimen zu lassen, m\u00fcssen wir darauf achten, dass es ein ausgewogenes Verh\u00e4ltnis zwischen N\u00e4he und Distanz gibt. Partner brauchen Unterschiedlichkeiten, um eine Einheitssuppe zu vermeiden. Gerade Paare die zusammen arbeiten oder bei denen ausschlie\u00dflich die Kinder im Fokus stehen, laufen Gefahr, durch fehlende eigene Interessen <a href=\"https:\/\/www.beziehungspraxis.de\/beziehungsvoll\/wenn-es-nur-noch-ein-wir-in-der-partnerschaft-gibt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">symbiotisch<\/a> zu werden.<\/p>\n<p>Es braucht Impulse von au\u00dfen, damit Spannung entstehen kann. Dadurch wird der Partner wieder auf eine neue Art sp\u00fcrbar, und es \u00f6ffnet sich der Raum und die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Erotik und Begehren.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>So wie Liebe eine Freiwilligkeit braucht, braucht auch Begehren immer eine Wahl, damit es sich entwickeln kann. Je besser das Selbstwertgef\u00fchl entwickelt ist, desto ausgeglichener ist die Balance zwischen N\u00e4he und Distanz &#8211; die Basis f\u00fcr Begehren. Aber, und das ist vielleicht das Wichtigste: Begehren ist in erster Linie auch immer eine Entscheidung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Foto: \u00a9 Privat (irgendwo in S\u00fcdtirol)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Begehren etwas, dass wir einfach so mitgeliefert bekommen oder handelt es sich dabei vielmehr um eine F\u00e4higkeit? Ich denke n\u00e4mlich, dass es genauso erlernbar ist, wie die Liebe selbst. Oder zumindest auch immer eine Entscheidung braucht. 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